"Dass die Vögel der Sorge und des Kummers über Deinem Haupt fliegen, kannst Du nicht ändern..

...Aber dass sie Nester in Deinem Haar bauen, das kannst Du verhindern." (Martin Luther)

In letzer Zeit kommen mir oft Dinge in die Hände, die mich an meine verstorbenen Eltern erinnern. Dass sie als hochbetagte und so in hohem Maß gefährdete Menschen diese Pandemie nicht mehr miterleben mussten, dafür bin ich dankbar. Zugleich frage ich mich, was sie mir jetzt zu sagen hätten.

Bisher hatte ich in meinem Leben ja eigentlich immer Glück. Die vielen großen Katastrophen meiner Zeit kamen nur über die Medien ins Haus, ich war allenfalls indirekt betroffen. Die Wochen nach Tschernobyl waren nicht lustig - aber davon abgesehen rückt nun zum ersten Mal eine Krise unmittelbar an mich heran. Diese erste Krise aber bringt mich allzu oft an meine Grenzen.

"Kind, es geht alles vorüber!" würde meine Mutter wohl wieder sagen, mit einem feinsinnigen, altersweisen Lächeln. Und sie musste es wissen: Nach Kriegsende hat es sie als Jugendliche ohne Familie vom Schwarzen Meer an den Neckar gespült, mit meinem ebenso heimatvertriebenen Vater hat sie aus einfachsten Verhältnissen einen bescheidenen Wohlstand für sich und die beiden Kinder aufgebaut. Manchen Schicksalsschlag hat sie überstanden, hat sich sicher oft gesorgt, aber nie geklagt, immer weitergemacht - und im Alter ist sie nicht bitterer geworden, sonder freundlicher.

"Kind, es geht alles vorüber!" In diesem Satz läge kein Kleinreden, kein Beschönigen. Es ist schlimm. Aber es bleibt nicht dabei. Es ist schwer. Aber das Sorgen macht es nicht besser. Mach einfach weiter. Es wird wieder anders. Hab Vertrauen.

In Luthers Sinnspruch aus meinem Gesangbuch steckt für mich eine ganz ähnliche Botschaft: Dass womöglich wieder schwere Wochen kommen werden, kann ich nicht ändern. Mit welcher Haltung ich aber in sie hieingehe, liegt schon auch an mir. Und da hoffe ich, dass mir meine Mutter etwas von sich dagelassen hat: Ein wenig Gelassenheit und Zuversicht. Menschenfreundlichkeit. Und ein bisschen Gottvertrauen.

Diakonin Ursula Bolle, Evangelischer Verein Fellbach, e.V.

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