Pécs ist (nicht nur) einen Gottesdienst wert!

Die Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde in Pécs ist 1868, also vor 150 Jahren gegründet worden. Pécs, deutsch Fünfkirchen, eine uralte katholische Bischofsstadt und eine evangelische Gemeinde war dort unerwünscht. Ein mutiger junger Protestant zog nach Pécs, arbeitet an der Universität, heiratete eine Katholikin, die männliche Kinder aus dieser Ehe wurden evangelisch und so fing es an…

In Februar hatten wir eine Einladung erhalten, zu den dreitägigen Jubiläumsveranstaltungen über das Pfingstwochenende nach Pécs zu kommen. Wir: d.h. die Partnergemeinde in Deutschland, die Evangelische Kirchengemeinde in Fellbach. Bei der Suche nach Mitreisenden wurde es uns bewusst, wie wenig diese Partnerschaft bekannt ist. Wir - Ehepaar Gémes - machten uns seit einiger Zeit Gedanken darüber, mit welchem Inhalt dieser Partnerschaft gefüllt werden könnte. So war es uns klar, dass wir zu diesem Jubiläum „einfach” (1051 Km eine Strecke) hinfahren und schnuppern, was möglich ist. Über sprachliche Barrieren mussten wir nicht springen, da wir ja eine zweisprachige Familie sind.

Das dreitägige Fest fing mit einem etwas verregneten, dennoch recht gut besuchten und fröhlichen  Sporttag am Samstag Nachmittag an.

Am Pfingstsonntag feierten die Pécser Konfirmation. Die acht Konfirmanden trugen über ihre Sonntagskleidung einheitlich Alba - ein Geschenk der finnischen Partnergemeinde aus Lahti. Ja, auch aus Finnland kamen drei Gäste  und überbrachten die Segenswünsche der dortigen Partnergemeinde.

Die Pécser pflegen den Brauch des Konfirmationsgedenkens. Es wurde im Gottesdienst die Frage gestellt: Wer wurde vor 10, 25, 40, 50, 65 …. Jahren konfirmiert. Diesen Personen wurde ein persönlicher Segen zugesprochen. Man sah , wie wichtig es für die Beteiligten und der ganzen Gemeinde war! Als ein älterer Herr – konfirmiert vor 65 Jahren – an zwei Gehstöcken beschwerlich, aber mit großer Entschlossenheit zu Altar ging, da blieb die Luft stehen und mir liefen die Tränen. Dann aber amüsierte ich mich köstlich über eine fitte Dame, die obwohl sie vor 75 Jahren konfirmiert wurde im Nu zum Altar sprang.

Am Nachmittag folgte eine Aufführung des evang. Kindergartens. Eine gute Gelegenheit auch kirchenferne Eltern in den Kirchgarten zu bringen. Der Kiga wurde nämlich erst vor wenigen Jahren von der Kirche übernommen, ein echtes Missionsfeld! Traditionellen Pfingstlieder wurden gesungen und dazu haben die Mädchen in hübschen Röckchen, die Buben in schwarzen Hosen Tänzchen und Reime einstudiert. Die Erzieherinnen konnten zurecht stolz auf die Kinder sein.

Danach folgten im Gemeindesaal einige Diavorträge. Hier konnten wir das Gemeindeleben von Fellbach vorstellen und stellten den Pécser auch die Fragen was ihnen bisher bekannt sei über Begegnungen zwischen den Kirchengemeinden und was sie sich als Inhalt dieser Gemeindepartnerschaft vorstellen könnten.

Samstag Abend erlebten wir den Pécser Gospelchor – sehr lebendig, sehr überzeugend fromm und fröhlich. Es ist mir wieder bewusst geworden, dass es ein ökumenischer Chor ist mit sehr viel Sendungsbewusstsein. Der Kirchgarten war sehr voll, ein drittel des Publikums musste stehen. Die anschließende Verköstigung mit ungarischem „Kolbász“ vom Grill durch den verwegen aussehenden und stark tätowierten Starkoch Ákos Lokodi – ein Medienheld, bekennender Christ und Gemeindeglied – war auch eine sehr gelungene Aktion. Wer zu spät kam… der bekam nicht „die Knochen“ (ungarisches Sprichwort): Es wurden noch nürnberger Weißwürste hergezaubert. Ein folkloristischer Tanzabend zum Mitmachen rundete am Sonntag das Programm ab.

Am Pfingstmontag fand der Gottesdienst im Freien bei strahlendem Sonnenschein und wenig Schatten statt. Viele gute Musiker aus der Jugend durfte zum Gelingen beitragen. Drei kurze Predigten hielten Pfr. Zoltán Ócsai, der uns auch in Fellbach besucht hatte und das junge Pfarrers-Ehepaar Patrik Hajduch-Szmola und Barbara Kovács. In der anschließenden Forumsdiskussion über die kommenden 150 Jahre der pécser Gemeinde durften die Anwesenden mit Tischtennisbällen abstimmen. Diese wurden in verschiedenfarbigen Gefäßen eingesammelt, der jeweils eine bestimmte Meinung zugeordnet war: z.B. wie mit den Geld der Gemeinde umzugehen sei oder wie die Zusammenarbeit mit der Kommune oder in der Ökumene gestaltet werden soll. Schließlich waren wir alle froh, dass wir uns nach den zusammenfassenden Worten des Moderators in die etwas kühlere Kirche zu einem wunderbaren klassischen Kirchenkonzert der Kirchenchores setzen durften.

Ehrliche Gespräche haben uns hinter die Kulissen blicken lassen: z.B. welche Aufregung und auch Anstrengung so eine große mehrtägige Gemeindeveranstaltung bedeutet! Weil der Besuch an den beiden ersten Tagen mehr als gut war, kamen am Sonntagabend Zweifel auf, ob das geplante Mittagessen am Montag wohl ausreiche! So wurden noch Tiefkühltruhen und Speisekammern der treusten Gemeindemitglieder geplündert und alle auffindbaren Hähnchen und Reis zusammengetragen, damit der leckere Eintopf nicht ausgehe. Und es reichte für alle!

Mehrfach wurden wir angesprochen auf gegenseitigen Besuch und gemeinsamer Freizeit am Balaton für Familien – Mitglieder der beiden Chöre (Gospel- und Kirchenchor), Familien und einige Damen aus dem Frauenkreis: „Ladet uns doch ein – wir kommen gerne“ und „Kommt, besucht uns!“ - waren die Aufforderungen, die uns mitgegeben wurden.

Über Gegenanfragen aus unserer Gemeinde freut sich,
Nóra Gémes (und Pfr. Pál Gémes)